27. August 2014

OTTO – die Offenbarung

Absolut unglaublich!

Als wäre er nichts Besonderes steht er da. Mitten im Dunkeln.
Er parkt an einer geschlossenen Tankstelle – irgendwo im Nirgendwo Hamburgs.

Das ist OTTO – kein Zweifel!

Diesen blauen Geländewagen kenne ich. Aber wie kann das sein? Was macht er denn hier? Die blaue Mercedes G-Klasse im Dunkeln dieser Hamburger Sommernacht, ist genau die, über die ich vor Jahren bereits eine BBC Reportage im Internet gesehen habe.

DIESER Wagen ist DER Grund, warum wir in nicht einmal mehr drei Wochen selbst mit einem Geländewagen durch Afrika fahren. Und jetzt steht er so mir nichts dir nichts einfach hier – vor unserer Haustür.

Gerade kommen wir mit dem Rad von einem Grillabend mit Freunden geradelt. Ahnen nichts Böses und jetzt das.

Ich kann mein Glück kaum fassen, was für ein krasses Omen nach all der Scheisse, die wir gerade hinter uns haben oder in der wir noch mitten drin stecken.

OTTO :)

Kein Traum. Beinahe alle Länder der Welt hat dieses Auto gesehen. Zusammen mit seinen Besitzern. Einem deutschen Ehepaar, das sich nach der Grenzöffnung Otto gekauft hat und losgefahren ist. Einfach so. Und nie wieder wirklich stehen geblieben ist. Gunther und Christine Holtorf – auf der Reise ihres Lebens. 890 000 Kilometer lang. Sie ist vor einiger Zeit verstorben, hat der BBC Bericht erzählt. Und er reist weiter, um zu Ende zu bringen, was sie gemeinsam angefangen haben – die ganze Welt zu sehen.

Doch wo steckt er. Wo Otto ist, kann sein Besitzer nicht weit sein. Denn soweit ich weiß, schläft er IMMER in dem Auto. Aufgeregt schauen Ulli und ich uns um. Unseren Hund Bosse, der geduldig hinten auf meinem Rücken im Rucksack sitzt, haben wir völlig vergessen.

Und da kommt plötzlich ein kleiner älterer Mann in Begleitung eines jüngeren Mannes daher. Im Dunkeln tapern sie über das Tankstellengelände.

Mein Herz pocht. Das gibt es nicht. Ich stürme auf ihn zu: “Sind sie der Besitzer von Otto?” “Ja wieso?”
“Sie sind mein Idol, ich kann nicht fassen, dass ich sie treffe! Was zum Teufel machen sie denn hier in Hamburg?”. Mein Kopf begreift einfach nicht warum jemand freiwillig in Hamburg ist, wenn er überall auf der Welt sein kann. :)

Verdutzt schaut er drein mit seinen Wachen Augen. “Wer ist diese aufgedrehte Blondine, was soll ich von der Situation halten” spricht sein Gesicht. “Ich hab schon verrückteres als die gesehen” scheint sein Bauch zu sagen. Und statt sich verschreckt weg zu ducken, wie der Durschnittsmensch, der mitten in der Nacht auf einem leeren Tankstellengelände von stürmischen Blondinen angesprungen wird, schmunzelt er.

Ich bin verliebt :)

Wir kommen ins Gespräch und Gunther erzählt, dass seine Tour nun zu Ende ist – Finish. Alle Länder bis auf Somalia haben er und Otto nun gesehen. “Es sei an der Zeit sich zu trennen.“ Otto kommt ins Museum.

Ich kann nicht glauben was ich da höre. “Wie können Sie das nur übers Herz bringen?” “Jede Geschichte hat ein Ende.” “Aber wie werden sie das nur aushalten? So getrennt von Otto. Ich glaube nicht, dass sie das schaffen, sich komplett vom Reisen und ihrem Auto und ihrer Abenteuerlust zu trennen – sesshaft zu werden.” “Mal sehen, ich habe viele Freunde überall auf der Welt, die werde ich sicher noch das eine oder andere Mal besuchen. Aber jetzt ziehe ich erstmal an den Bodensee, wo meine Frau und ich immer mal wieder gemeinsam eine Reisepause eingelegt haben.”

77 Jahre alt ist Gunther mittlerweile. Er scheint sich über unsere Unterhaltung zu freuen. Das motiviert mich nur noch mehr. Ich brenne. Endlich kann ich all die Fragen stellen, die der BBC Bericht in mir aufgeworfen und nie beantwortet hat.

Wie haben die beiden diese Reise finanziert, wo haben sie alle ihre Sachen in dem Auto untergebracht ? (In dem BBC Film habe ich keine Aufbauten um das Auto herum gesehen) und vor allem “where the heck” haben sie geschlafen? Denn von einem Dachzelt war und ist ebenfalls keine Spur zu sehen.

Er scheint sehr amüsiert über meine neugierigen Fragen. “Weißt du”, sagt er, “wir sind ja schon ein paar Jahre älter gewesen als ihr, als wir damals losgefahren sind. Das heisst, wir haben vorher schon einiges beiseite gelegt. Und ansonsten hatte ich einen kleinen Verdienst nebenher.” Die Schlaffrage ist ebenfalls schnell beantwortet: “Was meinst du, wie viel Platz in Otto ist, wenn du die Sitze nach vorne fährst. Dann hast du zwei Meter Liegefläche in der Länge. Wie in einem richtigen Bett.”

Der jüngere Mann, der noch dabei ist, entpuppt sich als Stern Redakteur. Der Stern will eine riesige Geschichte über Gunther und Otto machen. Er lacht: “Wir haben Gunther zig mal angeboten, in ein von uns bezahltes Hotel zu ziehen, während wir an seiner Geschichte arbeiten. Aber er will nicht. Er schläft lieber Nacht für Nacht auf einem Campingplatz – hinten im Auto.”

Ich habe so viele Fragen und könnte die ganze Nacht hier stehen und reden. Aber ich weiß, ich muss ihn ziehen lassen.

Er schenkt mir eine Weltkarte. Auf der ist seine gesamte Tour eingezeichnet. “Wenn ich eins gelernt habe auf meinen Reisen”, sagt Gunther, “dann ist es, Geduld zu haben. Es bringt nichts, wenn du wütend bist, weil du dich mal wieder ungerecht behandelt fühlst und sich deine Faust schon in der Tasche krümmt. Mit sowas kommst du nicht weit. Einzig und allein Geduld bringt dich dahin, wo du hin möchtest.”

Ich kann es nicht lassen und weil mir so sehr danach ist, frage ich, ob ich ihn drücken darf. Keine Antwort ist auch eine Antwort. Und ehe Gunther sichs versieht, stehen wir beide zwischen einem verdutzen Stern Redakteur, meinem Fahrradlenker im Bauch und dem blöd dreinblickenden Hund auf meinen Rücken an einer verlassenen Tankstelle in Hamburg und halten uns im Arm.

„Ich bin seelig“ ist das Gefühl was mir durch den Kopf geht. Seelig! So sehr, dass ich die ganze Nacht ganz aufgeregt da liege und mich so sehr wie nie zuvor auf all das freue, was bald kommt.

Jetzt kann nichts mehr schief gehen!

Otto ist mit uns :)